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Wachstum (aus der Sicht eines Biologen)

Kanzelrede im Rahmen des ökumenischen Hochschulgottesdienstes von ESG und KHG am 21.04.2013 um 18.00 Uhr in der St. Katharinenkirche zu Osnabrück.

Von Herbert Zucchi

 

Herzlich möchte ich Sie, liebe Gemeinde, zu diesem ökumenischen Hochschulgottesdienst begrüßen. Als besonders schön empfinde ich es, dass mein ältester Freund, mit dem ich seit dem Jahr 1956 verbunden bin, heute hier zugegen ist. Herzlich willkommen, lieber Heiner, in der St. Katharinenkirche, die ja auch das Gotteshaus meiner Gemeinde ist. Schließlich danke ich den verantwortlichen Damen der ESG und der KHG, dass ich heute die Kanzelrede halten darf, und ich danke dem studentischen Vorbereitungsteam, dass es meine Wunschtexte und -lieder berücksichtigt hat.

Als ich vor gut einer Woche mit 20 Studentinnen und Studenten auf Exkursion am und im Wattenmeer war, um Küstenlebensräume und ihre Besiedler in Augenschein zu nehmen, haben wir auch nach Wattschnecken Ausschau gehalten. Es waren nur einige Exemplare dieser maximal 7 mm großen Schneckenart auf den Flächen zu finden, denn der lange Winter mit den z.T. heftigen Frösten hat sogar die obere Schicht des Wattbodens gefrieren lassen. Dadurch wurden die Schnecken und andere Kleintierarten stark dezimiert. Aber schon in wenigen Wochen wird man bis zu 100.000 Wattschnecken/m2 finden können. Die Basis für dieses unglaubliche Anwachsen des Bestandes sind die ca. 450 bisher bekannten einzelligen Kieselalgenarten. Durch die steigenden Temperaturen und das zunehmende Licht jetzt im Frühling wachsen sie in kollosalen Individuenzahlen – viele Millionen/cm2 – auf dem Wattboden und bilden die Nahrungsgrundlage für die Schnecken. Diese wiederum und andere Kleintierarten des Wattenmeeres stellen die Nahrungsgrundlage für die Vögel der Ostatlantischen Zugroute dar: 10 – 12 Mio. Vögel aus Sibirien, Skandinavien, Island, Grönland und Kanada rasten 2 x pro Jahr auf der Durchreise in die Überwinterungsgebiete bzw. in die Brutgebiete im Wattenmeer, um sich dort zu stärken, um sozusagen den Tank aufzufüllen, um überhaupt ans Ziel gelangen zu können. U.a. deswegen ist das Wattenmeer Nationalpark und UNESCO-Weltnaturerbe. Für mich ist das immer wieder ein großes Wunder, ich folge damit dem Maler Franz Radziwil, der gesagt hat: „Das größte Wunder ist die Wirklichkeit!“

In dieser kurzen Darstellung bezüglich des Wattenmeeres steckte ja schon eine ganze Kette von Wachstumsprozessen. Doch gehen wir schrittweise vor. Was genau meint Wachstum und wachsen? Als in manchen Dingen eher konservativer Mensch war ich nicht bei Wikipedia unterwegs, sondern habe im altehrwürdigen deutschen Wörterbuch von WAHRIG nachgeschlagen: Das Substantiv „Wachstum“ meint Größerwerden und Entwicklung, das Verb „wachsen“ bedeutet größer werden, zunehmen, steigern, sich ausdehnen. Unsere Sprache kennt diese Begriffe in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: Wir wachsen über uns selbst hinaus, sind einer Sache nicht gewachsen, stehen auf gewachsenem Boden, hören das Gras wachsen, wachsen in eine Aufgabe hinein usw. Aber natürlich – und das hat ja meine Ausgangsschilderung rund um die Wattschnecke schon gezeigt – ist Wachstum ein durchgängiges Phänomen in allen lebendigen Systemen der Erde, und darüber zu sprechen ist ja meine Aufgabe heute. Von der einzelnen Zelle über Organe und Individuen bis hin zu Populationen und Lebensgemeinschaften – Wachstum findet sich auf allen Ebenen, und dafür will ich einige Beispiele darlegen.

Jede Zelle, die durch Zellteilung neu entsteht, wächst heran, und je nachdem, um welchen Zelltyp welcher Organismenart es sich handelt, wird sie unterschiedlich groß. So sind einige Bakterienzellen schon ausgewachsen, wenn sie 1 Mikrometer groß sind, was 10-6 m bedeutet. Pflanzliche Faserzellen dagegen wachsen zur stattlichen Größe von ½ m heran, und manche tierischen Nervenzellen erreichen mit ihren Ausläufern eine Länge von 2 – 3 m und mehr.

Als ein Beispiel für das Wachstum von Organen, das jahreszeitlich bedingt ganz unterschiedlich ist, seien die Blinddärme der Rauhfußhühner genannt. Dazu gehören Auerhuhn, Birkhuhn, Haselhuhn, Moorschneehuhn und Alpenschneehuhn. Von Frühjahr bis in den Herbst hinein stehen den Vögeln frisches zartes Pflanzenmaterial, Beeren und Insekten als Nahrung zur Verfügung, was sie gut verdauen können und wofür sie nur relativ kurze Blinddärme benötigen. Im Spätherbst und Winter dagegen fressen die Tiere derbe Kost wie Knospen, Zweigstückchen, Nadeln von Fichten und Kiefern, und diese Kost ist reich an Zellulose und Hemizellulose. Die Tiere benötigen zur Verdauung dann Helfer, nämlich Mikroorganismen, die in langen Blinddärmen konzentriert sind. Folglich wachsen die Blinddärme zum Herbst hin und werden im Frühjahr wieder kürzer.

Das beeindruckendste Wachstum einzelner Individuen zeigen wohl Bäume. Khalil Gibran hat geschrieben: „Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ So können Mammutbäume eine Höhe von 130 m erreichen, Rieseneukalyptusbäume sogar 150 m. Aber auch einheimische Baumarten erreichen beträchtliche Höhen, so Bergahorn und Rotbuche 40 m, Esche 50 m, Weißtanne 70 m. Alle Bäume besitzen einen Grundaufbau aus Wurzel, Stamm und Krone, aber erst der Stamm macht die Baumgestalt unverwechselbar. Sie erobern damit die Vertikale und schaffen eine erweiterte Dimension der Lebensräume für sich und für andere Arten. Sie wachsen aber nicht in den Himmel, denn die Schwerkraft, mit der sie sich permanent auseinandersetzen müssen, setzt Grenzen. Sie erschwert mit zunehmender Höhe und Breite den Transport von Wasser und Nährsalzen und – vor allem in Verbindung mit starken Winden – die Standfestigkeit.

Nun kommen Tier- und Pflanzenarten in der Natur stets in einer größeren Individuenzahl vor und man spricht von Populationen. Auch solche Populationen zeichnen sich durch charakteristische Wachstumsprozesse aus, die wiederum begrenzt sind. Nehmen wir Wanderheuschrecken als Beispiel, die ja als biblische Plage bekannt sein dürften. Die Tiere bilden aus Lignin, das sie mit der pflanzlichen Nahrung aufnehmen, einen Stoff, der mit Trivialnamen Locustol heißt und mit dem Kot ausgeschieden wird. Es ist ein leicht flüchtiger Stoff, der also schnell verdampft. Steigt die Populationsdichte, also die Zahl der Wanderheuschrecken in einem Gebiet an, dann wird natürlich auch immer mehr Kot abgegeben. Logischerweise steigt dann auch die Konzentration von Lokustol in der Luft an. Und so gelangt Locustol beim Atmen in die Körper der Larven, was dazu führt, dass sie sich zu Tieren mit Flügeln entwickeln. Sie wandern ab und erobern neue Lebensräume. Dies geschieht genau zu dem Zeitpunkt, da die Nahrung für die Tiere langsam, aber sicher versiegt.

Ein letztes Beispiel für Wachstum in Lebensräumen ist die Sukzession. Unter Sukzession versteht man die Abfolge von Organismengemeinschaften auf ein und der selben Fläche. Wenn beispielsweise durch natürliche oder menschengemachte Prozesse Areale mit offenem, unbewachsenen Boden entstehen, siedeln sich dort als erstes Pflanzen mit kurzer Lebensdauer, z.B. Kamille, in sog. Einjährigenfluren (Annuellenfluren) an. Sie werden peu à peu verdrängt von mehrjährigen Stauden, z.B. Wilde Möhre, die dann Hochstaudenfluren bilden. In diese wiederum dringen langsam aber sicher Gehölze wie Birken, Weiden oder Pappeln ein, und am vorläufigen Ende einer solchen Entwicklung ist dann in Mitteleuropa z.B. ein Buchen-Eichenwald entstanden. Im Laufe der Sukzession haben sich also stetig andere Pflanzengesellschaften entwickelt, und die Vegetation ist vom Anfang zum ende immer größer (=höher) geworden bis hin zum Waldstadium.

In dieser wunderbaren und wundersamen Natur kann man von der einzelnen Zelle bis hin zu den Lebensräumen erkennen, das alles seine Zeit hat: Wachstum und Entwicklung hat seine Zeit, Wachstumsende hat seine Zeit. Dabei hat jede Organismenart ihre Spezifika, und Arten gibt es sehr viele auf dieser Erde. In Deutschland beispielsweise sind ca. 48.000 mehrzellige Tierarten bekannt (auch neu entdeckte), ca. 14.400 Pilzarten und ca. 9.500 Pflanzenarten. Weltweit gehen wir heute von mindestens 20 Mio. Tierarten aus. Eine einzige Expedition ins Mekong-Delta vor ca. 2 Jahren hat 1.000 neue Arten erbracht! Auch diese Vielfalt war so nicht von Anfang an da, sondern ist gewachsen, egal, ob wir Anhänger der Evolutionstheorie sind, daran glauben, dass Gott die Welt und damit auch alle Arten erschaffen oder aber die Entwicklung dieser Vielfalt angestoßen hat.

Doch was ist mit uns Menschen? Wie ordnen sich unsere Wachstumsprozesse in die der Natur ein? Die Welt scheint ja, folgt man dem Hauptstrom offizieller Verlautbarungen, nur in Ordnung zu sein, wenn die Wachstumsrate stimmt, wenn also der Prozentsatz der Steigerung der Wirtschaftstätigkeit innerhalb eines definierten Zeitraumes hoch genug ist. Schauen wir uns mal Beispiele an.

In Deutschland wächst die Fläche, die für Straßen, Flughäfen, Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete etc. verbaut und versiegelt wird, immer noch stetig an, obwohl unsere Bevölkerung nicht mehr wächst. An jedem Tag gehen allein in unserem Land ca. 100 ha verloren, was in etwa 130 Fußballfeldern entspricht. Damit engen wir aber die Lebensmöglichkeiten für unsere Mitgeschöpfe mehr und mehr ein. Tausendfach liegen kleine bis kleinste naturnahe Lebensräume verloren in der intensiv genutzten und verbauten Landschaft, von Straßen umzingelt. In solchen verinselten Biotopen, wie man diese Flächen nennt, können viele Organismenarten nur noch in sehr kleinen Beständen existieren. Damit erreichen sie häufig nicht mehr die notwendige genetische Vielfalt, die zum dauerhaften Überleben einer Art nötig ist.

Als zweites Beispiel sei die wachsende Intensität der Landwirtschaft aufgeführt. Die Abschaffung der obligatorischen Flächenstilllegung zum Jahresende 2007 sowie die gleichzeitige Förderung von Biogas und Biokraftstoffen haben zu einer rasanten Zunahme von Mais und Raps sowie zu einem enormen Verlust an Wiesen und Weiden, also Grünland geführt, das zu Ackerland umgebrochen wurde. Längst ist klar, dass damit die CO2-Bilanz und somit die Situation bezügl. des Klimas nicht verbessert werden kann – im Gegenteil. Klar ist aber, dass immer mehr Organismen der Feld- und Wiesenflur auf die Roten Listen der im Bestand gefährdeten Arten geraten. Bei den Vogelarten der Agrarlandschaft sind es inzwischen 80 %! Mehr als 1/3 der agrarischen Nutzflächen in Stadt und Landkreis Osnabrück, nämlich 35 %, sind inzwischen mit Mais bestanden. Im Jahr 2005 waren es noch 23,5 %. Wo sollen Wildtiere wie Kiebitz, Feldlerche und Feldhase noch hin in diesen wachsenden Maiswüsten? Darin steckt aber noch ein weiteres Problem: Die Preise für Ackerland explodieren. Durch hohe staatliche Subventionen für Biogasanlagen und die Vergütung aus dem EEG können Biogas-Bauern einen so hohen Pachtpreis bezahlen, den Nahrungsmittel produzierende Landwirte bei weitem nicht erwirtschaften können. So generieren Ackerböden mehr und mehr zu Renditeobjekten. Der Schweizer Theologe Kurt Marti schreibt in seinem Buch „Gott im Diesseits. Versuche zu verstehen“: „Wenn der Wahnsinn epidemisch wird, gibt er sich als Vernunft aus. Auch das Böse arbeitet mit Sprachregelungen. Zerstörung nennt es Wachstum, Verblendung Fortschritt.“

Ein letztes Beispiel für Wachstum. Über 55 Mio. Schweine werden bei uns pro Jahr geschlachtet, allein von Mai – November 2012 mit einem Zuwachs von 2,9 %. Dazu kommen andere Tierarten, die wie die meisten Schweine in Massentierhaltung gehalten werden. So existieren z.B. im Emsland 33,6 Mio. Geflügelstallplätze. Bis zu 50.000 Masthühner drängen sich in einem einzigen Stall. Um die Tierproduktion – anders kann man es nicht nennen – aufrecht zu erhalten, muss in großen Mengen Futter angebaut werden. 60 % der deutschen Getreideproduktion und 70 % der deutschen Ölsaatenproduktion landen in den Tiermägen. Aber das reicht nicht: 1/3 des Futters muss importiert werden, überwiegend Soja, und zwar von einer Gesamtfläche von 2,9 Mio. ha. In Brasilien, Argentinien und Paraguay boomt deshalb seit Jahren die Sojaindustrie. Immer neue Flächen kommen dazu, wofür die für das Erdklima wichtigen Regenwälder und tropische Savannen vernichtet werden. Auf 45 Mio. ha – so groß wie Deutschland und die Niederlande zusammen – dehnen sich in den genannten Ländern schon die Sojamonokulturen aus. Für unseren „Bedarf“ an billigen Futtermitteln und billigem Fleisch wird die Artenvielfalt Südamerikas – Schwester Pflanze und Bruder Tier – geopfert. Und die Tiere, die von dem Sojaschrot leben, leiden mehr als dass sie leben. Der Philosoph Hans Jonas hat einen sittlichen Imperativ formuliert, der da lautet: „Prüfe jede Handlung, ob sie mit der Dauerhaftigkeit irdischen Lebens vereinbar ist.“

Ich denke an Genesis 9, diese wunderbare Darstellung aus dem Alten Testament, als Gott zu Noah und seinen Söhnen sprach: „ Ich aber, siehe, ich richte einen Bund auf mit euch und euren Nachkommen und mit allen lebenden Wesen, die bei euch sind, Vögeln, Vieh und allem Wild des Feldes bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind. (…) Wenn sich der Bogen in den Wolken zeigt, dann will ich des Bundes gedenken, der da besteht zwischen mir und euch und allen lebenden Wesen.“ Doch was tun wir mit diesen lebenden Wesen, unseren lebendigen Mitgeschöpfen? Was tun wir mit den Wildtieren und –pflanzen, wenn wir ihnen für unser Leben im Überfluss zunehmend den Lebensraum nehmen? Was tun wir mit den Schweinen, Bullen, Kälbern, Hühnern und Puten, die in ihrem kurzen Leben nie die Sonne sehen dürfen, damit wir unmäßigen Fleischkonsum betreiben können? Wir haben ihnen diesen Bund aufgekündigt! Der 1965 verstorbene Musiker, Arzt und Theologe Albert Schweitzer hat in der von ihm entwickelten Kulturphilosophie den Satz formuliert: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Wenn wir es als Christen ernst meinen mit der Bewahrung der Schöpfung und wenn wir wirklich zu einem anderen Umgang mit unseren Tieren aus dem landwirtschaftlichen Bereich kommen wollen, dann brauchen wir einen neuen, bescheideneren Lebensstil, denn die Erde hat, wie Ghandi es formuliert hat, genug für jedermanns Not, sie hat aber nicht genug für jedermanns Gier. Dem Götzen Wirtschaftswachstum müssen wir den Respekt vor allem Lebendigen, vor aller Geschöpflichkeit entgegensetzten. Gemeinsam können wir zu einer neuen Ethik kommen, wenn wir nur damit beginnen. Jeder und jede von uns kann ein Licht in der Welt sein. Dass etwas Neues wachsen kann, hat uns der gezeigt, nach dem wir den Namen Christen tragen.

Amen

Autor der Kanzelrede

Prof. Dr. habil. Herbert Zucchi

Hochschule Osnabrück

Fakultät Agrarwissenschaften und

Landschaftsarchitektur

AG Zoologie/Ökologie/Umweltbildung

Oldenburger Landstraße 24

D-49090 Osnabrück

Tel. 0541/969-5045 Fax 969-5219

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