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Und Sirius hat es gesehen – Vom Leben vergewaltigt.

Rezension: Christiane Högermann

Daniel Hopkins, ein weit gereister Journalist sowie Mitbegründer des Start-up-Unternehmens „PRovoke Media“, hat es sich zum Ziel gesetzt, einen schicksalhaften Lebensweg erlebbar zu machen, der dem Leser auf den ersten Blick vielleicht einmalig erscheint, aber einen allgemeingültigen Charakter hat. Für einen Sozialarbeiter mag der „Fall Norbert Henze“ zum Alltag gehören, für den Biografen nicht! Dafür sind die für einen Außenstehenden unfassbaren Erlebnisse und Erfahrungen des 64jährigen Norbert zu tragisch.Vielleicht ist der Name von Hopkins Agentur eine Anspielung auf das, was auch in dem „Lebensroman“ steckt: provokativ-nachdenklich stimmende Passagen mit hohem emotionalen Tiefgang. Der Autor sagte mir gleich zu Beginn unseres Gesprächs, dass dieses Buch wahrhaft keine leichte Kost sei, aber dennoch auch unterhaltsame Elemente enthalte – wie ich bald selber feststellen durfte, eine wahrhaftig präzise Beschreibung dessen, was den Leser erwartet. Der Erste, der  live miterlebte, was Henze erdulden musste, war der Autor. Bei den Zusammenkünften kam es nicht nur einmal zu tränenreichen Szenen, wenn die Erinnerungen wieder lebendig wurden und alte Wunden aufbrachen.

Die leidvollen  Lebenserfahrungen zeigen Anklänge an medial hochgehängte aktuelle Themen, die für uns zunächst trotz der Namensnennung prominenter Personen anonym bleiben – etwa Vergewaltigungsvorwürfe gegen prominente Väter oder Wiedergut-machungsversuche an misshandelten Heimkindern – und nun plötzlich ganz nahe sind. Norbert war ein solches Heimkind und weiß, wovon er redet.

Henzes Berichterstattung, so auch die immer wieder auftauchende Frage nach seinen eigenen Wurzeln, zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann und vermittelt einen bleibenden Einblick in (aktuelle) gesellschaftliche Missstände. Man sollte nicht zart besaitet sein, wenn man die Szenarien liest, in denen es um die Vergewaltigung durch den eigenen „Stiefbruder“ in der Pflegefamilie geht, was natürlich totgeschwiegen werden muss. Niemand war Zeuge, nur Sirius, der hellste Stern aus dem Sternbild Hund. Er wird zu Norberts virtuellem Sternenfreund. Mit ihm hält er eine fiktive Zwiesprache; Sirius ist seine Trostquelle und Lebensbewältigungshilfe. Der Leser spürt, dass Norbert ohne diese Fluchtmöglichkeit seelisch zerbrochen wäre.

Als roten Faden der Biografie könnte man Norberts Sehnsucht nach elementaren menschlichen  Bedürfnissen sehen. Er stellt keine großen Ansprüche an das Leben und eines ganz und gar nicht: auf die Tränendrüsen drücken und Mitleid erheischen wollen; dafür ist er zu sehr der vom Leben gebeutelte Realist. Denn mit seiner Lebensbeichte  rüttelt Henze auf und beantwortet zugleich die Frage, die ich mir beim Lesen immer wieder stellte: Wie war es möglich, bei so vielen Nackenschlägen, Ungerechtigkeiten  und körperlichen Züchtigungen   in ein normales Leben zurückzufinden und geradezu zu einem Lebenskünstler zu werden, der seine Fähigkeiten nutzt, um als Aktionskünstler „Jonathan“ zu brillieren?

Zudem ist Henzes Bekenntnis zur Homosexualität und die Beschreibung einer liebevollen Freundschaft zu Sophie ein Credo für eine selbst gewählte Lebensführung, die einen Menschen glücklich machen kann. Seine Biografie ist ebenfalls die gnadenlose Enthüllung und Abrechnung mit Schwächen unserer Gesellschaft. Diese rücken nun in ein neues Licht und bekommen einen Namen: „Norbert Henze“, ein Mensch, der einer von uns sein könnte und nicht der anonymen Promiwelt entstammt. „Und Sirius hat es gesehen“ ist ein biografischer Roman, der sehr lesenswert ist und so manches Selbstmitleid relativiert. Eindrücklich als Abschluss des Buches: die (Farb-)Fotos, die viele Stationen des Protagonisten lebendig werden lassen.

Christiane Högermann

Autorin der Rezension

Dr. Christiane Högermann unterrichtet die Fächer Biologie und Französisch am Abendgymnasium Sophie Scholl in Osnabrück und schreibt in loser Folge Rezensionen für die St-Katharinen-Gemeinde zu Themenbereichen, die  nicht nur religiös-theologisch ausgerichtet sind, sondern auch unterhaltsam bzw. "Lebenshilfen" sowie "Hoffnungsträger" sein sollen.