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Predigt zur Aktionswoche gegen Alkohol „Weniger ist besser“

von Diakoniepastorin Doris Schmidtke 26. Mai 2013, 10.00 Uhr, St. Katharinen, OsnabrückSegen sammeln (4. Mose 6, 22-27)

Liebe Gemeinde!

Soviel Du brauchst – Evangelischer Kirchentag am Anfang des Monats in Hamburg. Vielleicht waren Sie selbst da, bestimmt aber haben Sie Nachrichten im Fernsehen gesehen oder Bilder in der Tageszeitung. Soviel du brauchst – das Motto geht auf eine Geschichte aus dem Alten Testament zurück, eine Geschichte, die es mit dem Volk Israel und Mose zu tun hat und die in der Wüste spielt. Es war den Israeliten unter der Führung des Mose gelungen, aus Ägypten zu fliehen. Sie hatten dort am Nil als Sklaven schwere Arbeit verrichten müssen beim Ziegelbrennen und Pyramidenbauen.

Nun sind sie frei – aber noch lange nicht in dem von Gott versprochenen Land angekommen. Nein, sie durchziehen die Wüste und in dieser Einöde erscheint plötzlich die Vergangenheit in Ägypten in einem goldenen Licht. Sie schwelgen in Erinnerungen und die sprichwörtlich gewordenen Fleischtöpfe Ägyptens werden beim Erzählen immer größer und schmackhafter. In Anlehnung an Loriot könnte man sagen: Früher war mehr Fleisch. Die Leute murren und die Stimmung wird immer schlechter. Warum müssen wir hier in der Wüste hungern? Sie nölen so lange und so laut, dass Gott sich erweichen lässt und ihnen verspricht: Morgens werdet ihr Brot, Manna, finden, und Abends wird es Wachteln regnen. Aber - Und das ist der Clou an dieser Geschichte: Sammelt nur so viel wie ihr täglich braucht! Nicht gierig raffen, nicht horten, nicht dem anderen etwas wegschnappen. Nein, sammeln, so viel du brauchst – nicht mehr und nicht weniger.

Natürlich waren auch die Israeliten keine Engel. Sie ließen den lieben Gott reden und ließen ihn einen guten Mann sein und die meisten steckten sich so viel ein wie sie nur konnten: Aber als man's nachmaß,  hatte der nicht mehr, der viel gesammelt hatte, und die nicht weniger, die wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte.

Soviel du brauchst: Nicht weniger als du brauchst, aber auch nicht mehr als du brauchst. Ich soll nicht mehr und nicht weniger bekommen, haben, genießen als das, was ich wirklich brauche. Es geht zuerst um das Elementare – genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit von Leib und Leben. Aber ich brauche auch Bildung und Kunst, Arbeit und Ruhe, Beziehungen zu anderen Menschen, Fest und Freude. Das alles höre ich mit im „Soviel du brauchst“.

Aber dann auch die andere Betonung: Soviel du brauchst. Wenn ich es so höre, sehe ich mich aufgefordert, mit dafür zu sorgen, dass du, dass die und der Andere bekommen, haben, genießen, was sie brauchen – genug zu essen für alle Menschen auf der Welt, ein Dach über dem Kopf für die Obdachlosen, Sicherheit von Leib und Leben, Bildung und Kunst für Hartz-IV-Empfänger, Arbeit für die Arbeitslosen und Ruhe für die Überarbeiteten, Beziehungen zu anderen Menschen und den Austausch von Gedanken und Empfindungen und ebenso Fest und Freude.

Soviel Du brauchst – viele Menschen sind benachteiligt oder fühlen sich benachteiligt. Sie haben in ihrem Leben nicht das bekommen, was sie brauchen, nicht genug Aufmerksamkeit, nicht genug Liebe, nicht genug Ermutigung, nicht genug Entfaltungsmöglichkeiten oder aber genau das Gegenteil: nicht genug Grenzen.

Vielleicht sind gefühlte Benachteiligungen noch folgenschwerer als die echten Entbehrungen. Echte Entbehrungen sind oft sehr greifbar und handfest: Zu wenig Geld, schlechte Bildungschancen, Mangelernährung, unpassende Kleidung – dem ist abzuhelfen, wenn wir nur wollen. Wenn wir ernst nehmen: Du sollst bekommen, so viel Du brauchst. Wenn wir uns für soziale Gerechtigkeit einsetzen, für ein offenes Bildungssystem, für auskömmliche Löhne.

Aber gefühlte Benachteiligungen? Neid unter Geschwistern: Vater hat Dich immer vorgezogen! Du warst ja schließlich immer Mutters Liebling. Oder: Ich bin immer vom Leben enttäuscht worden. Mich hat eben das Schicksal benachteiligt. Dagegen ist schwer etwas zu sagen. Manche Menschen werden darüber unersättlich. Nie ist die Aufmerksamkeit groß genug, immer fehlt Anerkennung und Wertschätzung, immer geht es den anderen besser.

So viel Du brauchst – mancher kann gar nicht einschätzen, was und wie viel er oder sie braucht. Manche Menschen haben kein Maß oder verlieren es im Laufe der Zeit. Manche kennen keine Grenzen. Mehr essen und trinken als einem gut tut, mehr Arbeit oder mehr Alkohol als gut ist, mehr Zerstreuung am Computer oder in der Spielhalle als die Seele vertragen kann – daraus kann sich Sucht entwickeln. Darum ist es gut, dass uns die Aktionswoche Alkohol ins Bewusstsein ruft: Weniger ist besser.

Denn: So viel Du brauchst – das ist nicht zynisch gemeint. Das soll nicht heißen: Nimm Dir so viel Ablenkung durch Arbeit, so viel Rausch durch Alkohol, so viel Zerstreuung durch Computerspiele wie du brauchst, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Nein, sammle nur so viel, wie wirklich gut für Dich und Deinen Leib und Deine Seele ist. So viel, wie wirklich gut ist für Deine Lieben und für Dein Leben.

Sammle, so viel Du brauchst an guten, hilfreichen, lebensspendenden Erfahrungen. Und dazu wird uns heute ein wunderbarer Predigttext geschenkt. Wenige Verse nur aus dem Alten Testament, die es auch mit dem Volk Israel und mit Mose zu tun haben. Gott redet mit Mose und trägt ihm auf: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie  segnet:

Der HERR segne dich und  behüte dich;
der HERR  lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir  gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich
und gebe dir Frieden.

Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, daß ich sie segne.

(4. Mose 6, 22-27)

Ganz bekannte Worte, fast bei jedem Gottesdienst werden sie am Ende gesprochen. Mit dem Segen Gottes werden die Gottesdienstbesucher und –besucherinnen, werden Sie in die Woche mit den vor Ihnen liegenden Herausforderungen entlassen. Segen, so viel Du brauchst, um die Tage zu bestehen, um der Traurigkeit zu entfliehen, um mutig neue Aufgaben anzupacken. Segen, so viel Du brauchst, damit Du Dich nicht zurückgesetzt fühlst und nicht benachteiligt. Segen, so viel Du brauchst, damit dein Gesicht strahlt und Deine Augen leuchten.

Segen sammeln, so viel Du brauchst – ich habe es auf dem Kirchentag in Hamburg ganz bewusst getan, mit diesem Predigttext im Hinterkopf. An den fünf Tagen mit den vielen Gottesdiensten und Tagzeitengebeten gab es jede Menge Segen – davon will ich Ihnen ein wenig mitteilen, vom gesammelten Segen abgegeben, so viel Sie brauchen.

Da war der Eröffnungsgottesdienst am Spätnachmittag auf dem Fischmarkt am Elbufer mit skandinavischer Note und überschaubarem Publikum. Während der Rathausplatz und die Hafencity vor Menschen überquollen, ging es auf dem Kopfsteinpflaster vor der Fischauktionshalle beschaulich zu. Das Wasser glitzerte, die Abendsonne rötete mein Gesicht und ich spürte mit den Sonnenstrahlen zugleich sein Angesicht leuchten über all diesen Menschen, die Leben und Hoffnung und Glauben sammeln wollten so viel sie brauchen.

Dann, gegen 22 Uhr, kam der erste Tag zur Ruhe. Eine unübersehbare Menge hatte sich rund um die Binnenalster verteilt, und jeder und jede hielt eine Kerzen – geschützt durch eine Papiertüte – in der Hand, ein Lichtermeer, wie es die Großstadt Hamburg trotz all ihrer Straßenlampen, Werbetafeln, Schiffslampen und Leuchtfeuern wohl noch nicht gesehen hatte. Die kleinen Kerzenflammen flackerten leicht im Nachtwind, die Gesichtszüge der Betenden erschienen weich und gelöst, als von der Bühne her der Segen über alle wehte: Der HERR segne dich und  behüte dich.

Am anderen Morgen zur Bibelarbeit auf dem Weg, Treffpunkt Elbphilharmonie, immer noch eine Baustelle. Kühl weht es vom Wasser her, aber die Sonne scheint. Fröstelnd ziehen wir mit Gesang und Bibelwort durch die Hafencity, außer uns sind weit und breit keine Menschen auf der Straße zu sehen, auch keine Autos. Hier und da öffnet sich ein Bürofenster. Verwundert schauen die Angestellten auf uns und unsere blauen Kirchentagsschals herab. Zum Abschluss sammeln wir uns unter Glockengeläut vor dem neuen Ökumenischen Forum Hafencity, einem Ziegelbau mit origineller Fassade, hinter der sich eine Rundkapelle, Veranstaltungsräume, ein Café und Räume für eine Wohngemeinschaft verbergen. Wir singen: Komm, Herr, segne uns – und dann: Der HERR  lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir  gnädig.

Immer Freitags Abends feiert der Kirchentag Abendmahl an unterschiedlichsten Orten mit allen erdenklichen Liturgien. Mit einer gewissen Spannung entschied  ich mich für den Hansaplatz in Hamburg-St. Georg, gleich hinter dem Hauptbahnhof. Illegaler Straßenstrich und Drogenhandel, türkische Gemüseläden und Moschee, Erotikbars und Peepshows und dazwischen: Feierabendmahl unter freiem Himmel an festlich geschmückten Tischen, mit Lesben, Schwulen und allen, die das Leben lieben. Es war still auf dem Platz, als die Einsetzungsworte gesprochen wurden. Keiner randalierte, keiner protestierte. Einige sammelten schon mal die Pfandflaschen in große Plastiktüten, aber auch die, deren Wohnzimmer der Hansaplatz ist, teilten Brot und Wein. Bewegende persönliche Berichte eines Aidserkrankten und einer kirchlichen Mitarbeiterin aus dem Netzwerk katholischer Lesben, eine poetische, zärtliche Predigt von Bischöfin Kirsten Fehrs – und dann breitete sie die Arme aus, fast als wollte sie davon schweben und segnete uns:

 

Der HERR hebe sein  Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen